Zum zehnten PODIUM Festival

Musik, wie will Sie?

Wenn ich auf die letzten fast 10 Jahre PODIUM Festival zurückschaue ist es erstaunlich, was da entstanden ist: Freundschaften; unvergessliche Konzerterlebnisse für viele tausend Zuhörer; Lebenspartnerschaften; ein internationales Netzwerk junger Musiker, die jenseits des klassischen Orchester- und Konzertbetriebs ihre Identität als Künstler weiterdenken; Kinder; wegweisende Produktionen an der Schnittstelle von unterschiedlichen Künsten; eine Marke, die über die schwäbische Kleinstadt hinaus strahlt.

Es wäre vermessen zu sagen PODIUM sei der Anstoß gewesen, aber mit Sicherheit ist das Festival wegweisend für eine Entwicklung, die ich als ‚performative turn‘ in der klassischen Konzertlandschaft beschreiben würde. Ähnlich wie in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts als Max Hermann die Theaterwissenschaften von der Germanistik dadurch emanzipierte, dass er den Aufführungsbegriff stark machte und Theater eben nicht als Werk sondern als Ereignis verstehen wollte, hat zu Beginn des 21. Jahrhunderts im deutschen Konzertwesen ein Paradigmenwechsel eingesetzt. Es steht nicht mehr das Werk allein mit seinem absoluten Anspruch im Mittelpunkt, sondern es wächst das Bewusstsein für die Tatsache, dass sich ein Konzert immer zwischen den Musikern und den Zuhörern ereignet. Die Idee der „Inszenierung“ im Sinne Martin Seels „als Erscheinenlassen“ eröffnet notwendigerweise die Perspektive auf die spezifischen Materialitäten des Konzerts – das Licht, den Raum, die Sitzgelegenheiten. Genau das meinten wir, als wir den größenwahnsinnigen Slogan „Musik wie sie will“ entwickelt haben.

Beseelt von der Idee, dass die ‚Krise der Klassik‘ nicht durch die Inhalte, sondern die Aufführungsform bestimmt ist, haben wir uns auf den Weg gemacht. Als Zwischenfazit zum Start des zehnten Festivals muss man feststellen, dass da etwas in Bewegung geraten ist. Die Frage nach neuen Konzertformaten, nach alternativen Aufführungsformaten ist inzwischen in der Breite der Kulturinstitutionen angekommen. Wenn Sie auch nicht überall gleichermaßen hochwertig, innovativ und charmant umgesetzt wird. Das Festival agiert inzwischen in einem zuverlässigen Netzwerk aus Spielstätten, Ensembles und Festivals, die sich auf den gleichen Weg gemacht haben.

Um ein solches Festival zu schaffen braucht man vor allem die Saint-Exupéry‘sche Fähigkeit Menschen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer zu lehren. Man braucht aber auch Menschen, die sich immer wieder gegenseitig in diese Sehnsucht reinsteigern und weitersehnen, auch wenn sie lange nicht mehr richtig geschlafen haben und dieses Mehr noch sehr weit weg scheint. Man braucht ein Umfeld, das es aushält wenn die Sehnsucht manchmal wichtiger ist als innerstädtische Haltverbote und Vereinsrecht. Nicht zuletzt braucht es Menschen, die den Bootsbau begleiten: mit Know-How, Holz, Zuspruch, Platz, Zeit und den besten Brownies der Welt.

PODIUM ist ein Beispiel dafür, wie viel sich aus einer Idee und ein paar engagierten Menschen entspinnen kann. Es ist aber auch beispielhaft für die Kulturlandschaft in unserem Land und die Entstehung neuer Strukturen in ebendieser: Es hat Jahre gedauert, bis sich das Festival soweit etabliert hat, dass nun ein Teil der Mitarbeitenden davon seine Miete zahlen und seine Familie ernähren kann. Noch immer wird ein Großteil der Arbeit von einem ehrenamtlichen Netzwerk übernommen. Die Projektförmigkeit von Kulturförderung in Deutschland erleichterte dies alles gerade in den ersten Jahren nicht unbedingt.

Die ersten neun Festivals sind rum. Die unbedarften, chaotischen, verplanten und naiven ersten knapp zehn Jahre. Und hier beginnt der Nachruf!
In den letzten Jahren sind die Erwartungen, Verpflichtungen und institutionelle Notwendigkeiten, die über den Moment hinaus gehen und nicht eben mal mit vielen Händen erledigt werden können (wie das Füllen und Leeren eines Konzertsaals mit Sägespänen oder das Aufpusten von 200 Sitzbällen) ständig gewachsen.
Unter diesen Bedingungen könnte es schnell passieren, dass der Slogan „Musik wie sie will“ zu ernst genommen wird und tatsächlich die Idee oder der Anspruch entsteht, diese Behauptung irgendwann einzulösen. Auch wenn in gelungenen Konzertmomenten eine Ahnung davon aufblitzt – vollständig verstehen oder erfassen werden wir die Musik, die da erklingt ja doch nie.
Insofern schlage ich vor – zumindest als eine Art Arbeitsslogan, also intern – zum zehnten Geburtstag das ganze mal zu vertauschen:

Musik, wie will sie?

Vielleicht ist es unter einem Fragezeichen einfacher als unter einem Ausrufezeichen die Freiheit zum Probieren, Forschen und Scheitern beizubehalten.
Auf das PODIUM auch in den nächsten 10 Jahren das Unwissen feiert, sich über die gelingenden Momente wundert und irgendwann ein perfektes Ende findet.

 

 

Wer mehr über das Festival wissen will und Lust hat selbst etwas zu erleben, wird auf der PODIUM website fündig.

Über die wirklich spannende Arbeit beim Festival habe ich vor ein paar Jahren bei TEDxKreuzkirchviertel einen Talk gehalten.

 

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